PDF wird generiert
Bitte warten!
Thomas Pietruschka, METRO Deutschland GmbH
- Auszubildender zum Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement
- 13.Oktober 2025 bis 09.November 2025
- Gastbetrieb: Lundabryggeriet in Torna Hällestad, Schweden
Die Anreise
Vom 13.10.2025 bis zum 09.11.2025 durfte ich ein Praktikum in Schweden absolvieren. Als Azubi der Fachrichtung Groß- und Außenhandelsmanagement könnte man vermuten, dass man einen Bürojob im Handel vermittelt bekommt, wo man internationale Kontakte knüpft, pflegt und Großaufträge aushandelt. Es kam jedoch ein wenig anders:
Nach dem Evaluationsgespräch mit der schwedischen Partnerorganisation Sandson bekam ich eine Nachricht, man hätte einen passenden Praktikumsbetrieb für mich gefunden. Es handle sich dabei um eine Mikrobrauerei namens Lundabryggeriet. Da ich meine Ausbildung in einem Großhandel, der auf HoReCa-Kunden ausgerichtet ist, absolviere, war der Perspektivwechsel vom Verkauf fertiger Produkte zur Produktion von Lebensmitteln sehr reizend. Und da ich ohnehin schon immer einmal Schweden kennen lernen wollte habe ich natürlich zugestimmt.
Den Weg nach Lund habe ich mit Zügen und Fernbussen überwunden. Das erste, was mir in Lund aufgefallen ist, war, wie unglaublich sauber alles ist. Es liegen nirgends Zigarettenstümmel herum, es gibt keine festklebenden Kaugummis auf dem Boden und unachtsam weggeworfene Papierchen sucht man vergeblich. Da zeigt sich ein wichtiger Punkt der schwedischen Mentalität, die kollektive Verantwortung. Jeder hilft dabei mit, seine Umwelt sauber zu halten, und als Ergebnis sind Umwelt und Natur sauber. Vermutlich ist das "Jedermannsrecht" (Allemansrätten) mit dafür verantwortlich, dass so ein Mindset zur gelebten Kultur wurde.
Da mein Praktikumsbetrieb ein ganzes Stück außerhalb von Lund lag, genauer in Torna Hällestad, und ich morgens um 7 anfangen sollte, bekam ich eine Einzelunterkunft in Lund. Dort konnte ich mich von teils sehr langen Arbeitstagen erholen und Exkursionen planen.
Ausblick vom Arbeitsplatz Mein Gastbetrieb und Arbeitsalltag
Meine Vorgesetzte, Kollegin und Ansprechpartnerin im Praktikum war Kristina. Als gelernte Köchin der Hotelbranche hat sie über mehrere Umwege einen geförderten Braukurs absolviert und arbeitet seit einigen Jahren bei Lundabryggeriet und der Kornheddinge BryggeriKompani. Lundabryggeriet ist von beiden die größere Brauerei mit 6 Gärtanks á 1200l Fassungsvermögen, wohingegen in Kornheddinge nur ein Tank von etwa 600l Fassungsvermögen zur Verfügung steht. Die Aufteilung war, dass wir pro Woche 3-4 Tage in Lundabryggeriet arbeiten und einen Tag in Kornheddinge.
Per Gesetz ist der Vertrieb von alkoholischen Getränken über 3,5%Vol. in Schweden nur zu HoReCa-Betrieben als Direktvertrieb erlaubt. Der einzelhändlerische Verkauf von Alkohol obliegt dem staatlichen Alkoholmonopol, Systembolaget genannt. Diese müssen jedoch Produzenten die Möglichkeit geben, ihre Waren verkaufen zu können. So werden Brauereien, Winzern und Brennern Systembolaget-Niederlassungen im Umfeld zugewiesen, wo die Waren verkauft werden können. Das führt zu einem großen Angebot qualitativ hochwertiger, regionaler Produkte.
Die wirklichen Arbeitstage im Braubetrieb lassen sich zusammenfassen mit 80% Reinigung und 20% Brauen. HACCP-Standards sind extrem wichtig bei der Bier-Herstellung, da schon kleinste Verschmutzungen im Prozess dazu führen können, dass ein Ansatz von 1300 Litern entsorgt werden muss. Da ich in der Vergangenheit lange Zeit als Industriereiniger gearbeitet habe stellte das aber keinerlei Problem für mich dar.
In Kornheddinge hatte ich die Möglichkeit, für das eigene Bier Hopfenpellets aus getrocknetem Magnum- und Saphir-Hopfen herzustellen. Während Magnum sich durch würzig-milde Kräuteraromen auszeichnet und hautsächlich als Bitterhopfen verwendet wird, ist Saphir ein Würzhopfen mit feinen Zitrus-Aroma, welche man für viele IPAs benötigt.
Da es in Schweden nicht die gesetzliche Vorgabe gibt, dass Bier nur nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut werden darf, konnte ich mithelfen ein - für deutsche Verhältnisse - außergewöhnliches "Jul-Öl" (Weihnachtsbier) zu brauen: In einen leicht dunklen Bieransatz wurden beim Kochen der Stammwürze nicht nur Gewürze wie Zimt, Nelken und Ingwer hinzugefügt, sondern auch etwa 150kg Kürbis. Ich hatte die Möglichkeit, eine Flasche Jul-Öl vom letzten Jahr probieren zu dürfen, und muss sagen, dass deutsche Braukultur im Vergleich damit stinklangweilig ist.
Grundsätzlich waren Brau-Tage sehr lang und anstrengend. Teils arbeitet man an solchen Tagen auch schonmal 12 Stunden, denn den Brauprozess kann man nicht einfach so unterbrechen und am nächsten Tag fortführen. Ebenso will man es unbedingt vermeiden, über Nacht stärke-, zucker- und proteinhaltige Rückstände im Leitungssystem zu belassen, da das saubermachen von getrockneten Resten vielfach schwerer ist als direkt nach dem Brauvorgang. Gerade wegen der teils überlangen Tage haben Kristina und ich uns auf verlängerte Wochenenden geeinigt, sodass ich mehr Möglichkeit hatte, mir die unglaubliche Umgebung in Skåne anzusehen.
Mein Highlight
Der wunderschönste Moment war, als ich an einem Samstag morgen sehr früh mit dem Bus zum Steinbruch bei Dalby (Dalby Stenbrott) gefahren bin und über kristallklarem Wasser den leicht vernebelten Sonnenaufgang beobachten konnte. Das war im wortwörtlichen Sinne atemberaubend und kann mit Worten kaum beschrieben werden. Daher ein Paar Bilder:
Mein beeinflussendstes Erlebnis
Natürlich war ich auch auf Parties und in Malmö unterwegs. Das für mich persönlich beeinflussendste Erlebnis hatte ich, als ich in Malmö in einer anderen Mikrobrauerei war. Dort fand an diesem Tag ein Event statt, und mit etwa 150 Personen war der Gastraum beinahe überfüllt. Es wurde an den Tischen viel geredet, gelacht und getrunken und die Stimmung war generell sehr gelöst. Ich spreche fließend Englisch, habe zuvor schon knapp 2 Jahre selbstständig über eine App Schwedisch gelernt und stehe da irgendwo zwischen A1 und A2. Und obwohl ich weiß, dass ein sehr großer Teil der Anwesenden mich auf die eine oder andere Art verstanden hätten habe ich doch eine extreme Hemmschwelle verspürt, mit anderen Leuten zu reden. Ich wusste nicht genau, worüber die anderen sprechen, ob ich irgendwo in ein ernsteres Gespräch hineinplatze, und ob es irgendwelche Gemeinsamkeiten oder Themen gibt, die mich mit vollkommen fremden Menschen verbinden. Obwohl ich nichts wirklich zu verlieren hätte als jemand, der nur 4 Wochen in Schweden ist, habe ich mich nicht getraut, diese Hemmschwelle zu übertreten.
Da wurde mir zweierlei bewusst: Zum einen, wie privilegiert ich bin, dass ich nicht nur an einem solchen Projekt teilnehmen kann, sondern auch, dass ich ein so hohes Maß an Bildung erhalten habe, dass ich mich in einer gemeinsamen dritten Sprache (Englisch) hätte unterhalten können um mit Menschen aus einem anderen Land und einer anderen Kultur in Kontakt zu treten. Zum zweiten (und das ist noch wichtiger) wurde mir ein Teil meines internalisierten Rassismus bewusst.
Es fällt als Einheimischer leicht, über Menschen aus anderen Ländern zu sagen, sie sollen die Sprache lernen und am besten mit anderen Einheimischen reden, denn so lernt man es schließlich am besten, oder? Einfach mal in ein Café gehen, oder zu einer Veranstaltung, da gibt es immer Menschen, die mit einem reden! Die Angst von nicht-Muttersprachlern davor, sich zum Deppen zu machen, ausgelacht zu werden weil man Worte falsch ausspricht oder nutzt, wird nicht gesehen oder bagatellisiert. Rückblickend erkenne ich, dass ich genau das Verhalten auch gelebt habe. Das war keine schöne Erfahrung, aber eine sehr wichtige, die mir hoffentlich dabei hilft, weiter zu wachsen.
Natürlich hat mir das Praktikum in Schweden außerordentlich gut gefallen, und die professionellen Erfahrungen sind wertvoll. Aber vor allem durch die letzte Erfahrung bin ich vielleicht noch nicht zum jetzigen Zeitpunkt persönlich gewachsen, aber ich habe einen weiteren Baustein für mehr Verständnis und zwischenmenschliche Kompetenz in einer immer internationaler werdenen Welt erhalten.
Genau das ist der große Vorteil eines Projektes wie Erasmus+. Und das kann man nicht mit Gold aufwiegen.
Seiten-ID5003
Ansprechpartner
Dr. Christine Tretow

Tel: 0271 3302-306
Fax: 0271 3302400
E-Mail

