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Nr. 025: IHK-Außenwirtschaftsausschuss befasste sich mit dem Brexit und seinen Folgen

05.04.2018 | Der englische Historiker Timothy Garton Ash bezeichnete ihn als den „überflüssigsten und folgenschwersten Akt nationaler Selbstverletzung in der Nachkriegsgeschichte“. Viele europäische Politiker äußern ebenfalls scharfe Kritik – und auch im Außenwirtschaftsausschuss der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) sorgte der „Brexit“ für Gesprächsstoff. In ihrer jüngsten Sitzung bei der EJOT GmbH & Co. KG in Bad Berleburg befassten sich die Ausschussmitglieder mit den Austrittsverhandlungen Großbritanniens aus der Europäischen Union. Die zentrale Frage dabei: Wie wird sich dieser Schritt auf das Exportgeschäft und die wirtschaftlichen Verflechtungen im Allgemeinen auswirken? 

Dr. Sigrid Fretlöh, Dozentin mit Lehrauftrag im Europastudiengang der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RTWH) Aachen und Mitglied im Rednerdienst Team Europe der Europäischen Kommission, kam zu einer klaren Bewertung: „Das Vereinigte Königreich hat die Konsequenzen seinerzeit vollkommen unterschätzt. Die Bevölkerung und die Politik waren nicht vorbereitet.“ Die Entscheidung, die EU nach über 40 Jahren Zugehörigkeit zu verlassen, sei Ausdruck „unlogischer Prioritäten“. Das Streben nach einer vermeintlich starken nationalen Identität und die Ablehnung der Personenfreizügigkeit hätten vielen Briten die Sicht auf politische und wirtschaftliche Vorteile einer EU-Mitgliedschaft versperrt. Statistische Daten belegten, dass der Lebensstandard in Großbritannien seit dem Eintritt in die Europäische Gemeinschaft 1973 stetig gestiegen sei. Verheerend habe sich zudem ausgewirkt, dass junge Generationen kaum am Referendum teilgenommen hätten. Für Sigrid Fretlöh steht fest: „Der Brexit wird teuer. Er bedeutet für alle Beteiligten Neuland, Missverständnisse und Unsicherheit. Die Folgen treffen vor allem die Briten selbst.“ 

Die zoll- und außenwirtschaftlichen Konsequenzen hingen davon ab, wie „hart“ der Brexit am Ende wirklich ausfalle. Bis zum 29. März 2019 soll der Austritt formal vollendet sein. Der Europäische Rat hat kürzlich Richtlinien für die künftigen Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich festgelegt. Am 31. Dezember 2020 endet demnach die Übergangsphase nach dem Austritt. Danach darf London eigenständig etwaige Freihandelsabkommen abschließen. 

Mathias Dubbert, Leiter des Referats Europapolitik und EU-Außenwirtschaftsförderung des DIHK e.V. in Brüssel, informierte über erste Entwicklungen in der internationalen Wirtschaft nach dem Referendum. „Großbritannien war vor der Brexit-Entscheidung ein Zugpferd der Wirtschaft auf unserem Kontinent. 2017 sind die Exporte Deutschlands ins Vereinigte Königreich bereits um zwei Prozent geschrumpft. Der über Jahrzehnte extrem wichtige Handelspartner, zurzeit fünftstärkste Exportnation in der Statistik der Bundesrepublik, büßt also leicht an Bedeutung ein.“ Durch den nahenden Brexit würden wieder Zollkontrollen nötig, erklärte Dubbert. Auf Grundlage der DIHK-Berechnungen gehe er davon aus, dass allein für den Handel mit Großbritannien 15 Millionen neue Zolldokumente bei deutschen Unternehmen erforderlich sein werden. „Das schafft Unsicherheiten. Gerade kleinere Firmen und Betriebe sind daher jetzt auf Unterstützung angewiesen.“ 

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat hierzu eine erste Checkliste erarbeitet. Anhand von 17 Themenfeldern können Unternehmen dabei die wichtigsten Fragen klären, um sich möglichst gut auf die Herausforderungen des Brexit vorzubereiten. Die Checkliste ist auf der Homepage der IHK Siegen im Bereich „International – Aktuelles“ zu finden. 

Bernd Löher, Managing Director bei der Dometic GmbH in Siegen, berichtete über konkrete Maßnahmen, die sein Unternehmen im Anschluss an das Brexit-Referendum angestoßen hat: „Wir haben sehr schnell begonnen, unsere vertraglichen Konstrukte mit Kunden sowie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen entsprechend zu überprüfen. Es ist sehr wichtig, zu wissen, auf welchen rechtlichen Grundlagen wir uns bewegen.“ Rainer Bröcher, Geschäftsführer der SCHÄFER Werke GmbH in Neunkirchen, pflegt ebenfalls geschäftliche Beziehungen nach Großbritannien: „Die Unsicherheit auf der dortigen Kundenseite ist deutlich größer als bei uns.“ Klare Wettbewerbsnachteile – nicht nur für britische Unternehmen – beschrieb Peter Stangier von der M.G. INTERNATIONAL LOGISTICS GMBH in Siegen den Ausschussmitgliedern: „Die Industrie und Speditionen werden durch Grenzkontrollen, längere Wartezeiten, zusätzliche Zollabfertigungen und Nachweispflichten belastet.“ 

Exportgeschäft und internationale Zusammenarbeit im Gesamten spielen auch für den Gastgeber, die EJOT GmbH & Co. KG, eine wesentliche Rolle. Das 1922 gegründete Unternehmen in Bad Berleburg mache heute über 500 Millionen Euro Umsatz, zähle weltweit über 3000 Mitarbeiter und insgesamt 25.000 aktive Kunden, verdeutlichte Geschäftsführer Ralf Birkelbach. 

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