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Nr. 116: Prof. Dr. Hanna Schramm-Klein vor der IHK-Vollversammlung: ,Keine Strohfeuer entfachen!' - Der Zentrumsmonitor war einer der Schwerpunkte in der IHK-Vollversammlung

18.12.2018 | Mit Freude betrachtete IHK-Präsident Felix G. Hensel, wie die Mitglieder der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Siegen in dem gut 100 Seiten starken, druckfrischen „Zentrumsmonitor 2018 für die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe“ blätterten: „Mit dieser richtungsweisenden Studie haben wir nun eine strukturpolitisch für die gesamte Region bedeutende Handreichung, aus der wir in den kommenden zwei, drei Jahren Honig für den Handel in unseren Zentren saugen können.“ Wie die Studie bzw. deren Auswertung zu lesen sind, das erläuterte Prof. Dr. Hanna Schramm-Klein dem „Parlament der Wirtschaft“. Ihre Strategie-beratung hatte die Studie verfasst. Die IHK finanzierte die Studie gemeinsam mit den Sparkassen und Volksbanken in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe. „Dafür noch einmal ganz herzlichen Dank“, betonte Felix G. Hensel gegenüber den anwesenden Vertretern der heimischen Kreditwirtschaft, „das ist nicht selbstverständlich.“ 

„Jedes der 23 untersuchten Zentren im Kammerbezirk der IHK Siegen ist individuell“, fasste Hanna Schramm-Klein die Ergebnisse zusammen. „In jedem dieser Zentren ist das Kaufverhalten der Kunden unterschiedlich. Und jedes von ihnen kann in irgendeinem Bereich als Benchmark für diese Region stehen.“ So gebe es beispielsweise in Kirchhundem oder in Siegen-Mitte nahezu gleich große Gruppen stark onlineaffiner Markenkäufer, onlineaffiner Standardkäufer, serviceorientierter Markenkäufer und onlineaverser Regionalkäufer, während in Wenden und Freudenberg die onlineaffinen Käufer deutlich in der Überzahl seien. Aus diesen unter gut 4600 Kunden erhobenen Daten könne man ableiten, dass sich das Kaufverhalten zwischen Stadt und Land quasi nicht unterscheide, erläuterte sie. „Die Landbevölkerung ist sogar noch einen Tick onlineaffiner als die Stadtbevölkerung in einer ohnehin eher als ländlich zu bezeichnenden Region.“ Und so dürfe sich das einzige Oberzentrum der Region auch nicht mit anderen Städten der Region messen, sondern mit nahen Oberzentren wie Köln, Dortmund oder Frankfurt. 

Das Kaufverhalten an sich werde sich in den kommenden Jahren weiter stark verändern, prognostizierte die Professorin. Die Zahl der online-, vor allem die der smartphoneaffinen Kunden nehme dabei stetig zu. Und: „Die jüngeren Generationen sind kritischer, wenn es darum geht, das Zentren- und insbesondere das Einzelhandelsangebot zu beurteilen.“ Warum? „Das Internet bietet einen breiten und großen Zugang zum Angebot in nahezu allen Kategorien. Es weist die höchste Zentralität auf. Zumindest teilweise werden Käufe ins Netz verlagert, weil es Dinge vor Ort nicht gibt.“ Ausnahmen seien Produkte des längerfristigen Bedarfs. Diese kaufe man nicht nur im Internet, sondern häufig auch in einem anderen, attraktiveren Zentrum. Auch hier sei der dominierende Einkaufsgrund nicht zwingend ein Mangel an Attraktivität vor Ort, sondern die Produktvielfalt. Hanna Schramm-Klein: „Das ist eine Bedrohung für einzelne Branchen, z.B. die Reisebürobranche.“ 

Die größten Defizite hätten die Kunden indes im Bereich der Mode ausgemacht. „Lässt sich das durch die Ansiedlung der großen Ketten kompensieren?“, erkundigte sich Hendrik Enders. Die Professorin schüttelte den Kopf: Die Frage sei schwierig zu beantworten, da man es mit einem durchaus schizophrenen Konsumentenverhalten zu tun habe. „Erst rufen sie nach den großen Ketten, und dann heißt es: ‚Hier gibt es auch nichts Individuelles!‘“ 

Als typisch für diese Region habe sich herausgestellt, dass alle Aspekte, die mit dem Auto zu tun haben, hoch bewertet werden. Dennoch: „Erreichbarkeit, Sicherheit und Sauberkeit sind die wichtigsten Kriterien“, zählte Hanna Schramm-Klein auf. „Wenn das nicht erfüllt ist, haben die Städte große Probleme.“ Dennoch seien nicht diese Faktoren prägend für die Zentren, sondern vor allem Attraktivität und Lebendigkeit.  
Mit einem Irrglauben räumte Prof. Schramm-Klein abschließend noch auf: „Wir bekommen oft zu hören, dass die Gastronomie der neue Handel in den Zentren sei. Das wird durch die Studie nicht belegt. Die Menschen kaufen nach wie vor gern in den Zentren und kommen wegen des Einzelhandelsangebots.“ 

Was also ist zu tun, um einem Zentrum einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen? „Die Attraktivität des Zentrenumfelds und des Angebots stärken, um die Kunden möglichst davon abzuhalten, in anderen Zentren einzukaufen“, resümierte sie. „Das hat aber keinen Einfluss darauf, dass die Kunden online kaufen. Die Attraktivität der Zentren verhindert lediglich eine Abwanderung der Kunden in ein anderes Zentrum.“ Ihre Empfehlung: Da es „sehr, sehr lange“ dauere, bis Änderungen in den Kommunen bei den Kunden ankämen, müssten die Städte und Gemeinden schon heute die Ergebnisse der Studie in Aktionen umsetzen. Und damit seien nicht „kleine Strohfeuer an vielen Stellen“ gemeint. Um den Kommunen im Kammerbezirk dabei unter die Arme zu greifen, beschloss die Vollversammlung, im kommenden Jahr weitere 40.000 Euro für einzelhandelsrelevante Projekte bereitzustellen. 

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