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Nr. 085: Helaba-Chefvolkswirtin vor IHK-Außenwirtschaftsausschuss: „Beschweren Sie sich mehr!“

27.09.2019 | „Der Brexit ist noch gar nicht da, aber seine realwirtschaftlichen Konsequenzen sind schon jetzt zu spüren“, unterstrich Dr. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, bei der jüngsten Sitzung des Außenwirtschaftsausschusses der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK). Die Mitglieder trafen sich in den Räumlichkeiten des Gründerwerks der Sparkasse Siegen. In ihren Ausführungen thematisierte die Gastreferentin verschiedene politische und wirtschaftliche Entwicklungen sowie deren mittel- und langfristige Folgen für die Betriebe des heimischen Kammerbezirks: „Sie vertreten eine sehr industriestarke Region mit vielen erfolgreichen Unternehmen“, bescheinigte Traud zunächst ihrem Auditorium. Doch auch für die hiesigen Firmen seien die Spannungen im internationalen Geschehen ein enormes Risiko.

Die Ökonomin identifizierte das im Sommer 2016 durchgeführte Referendum der Briten über den Austritt aus der Europäischen Union und die wenige Monate später erfolgte Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten als Kernauslöser der vielfach ersichtlichen Verunsicherung. Die Auswirkungen auf die Konjunktur und die Aktienmärkte seien erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung augenscheinlich geworden. Nachdem sich die expansive Fiskalpolitik Trumps 2017 positiv auf die Weltkonjunktur ausgewirkt habe, hätten die ab 2018 verhängten Zölle diese belastet. Der oftmals unberechenbar anmutende Präsident störe sich merklich daran, dass sich China an der Schwelle zur größten Wirtschaftsnation befinde. Die Folgen seines Handelns seien weltweit offenkundig.

Für die heimische Wirtschaft werde sich indes insbesondere der Zeitgeistwandel in der Automobilbranche zu einer Herausforderung entwickeln. Die derzeit auf Verunsicherung basierende Kaufzurückhaltung sei ein durch Politik und Automobilindustrie „weitgehend hausgemachtes Problem“, konstatierte Ausschussmitglied Markus Schaumburg. Der Geschäftsführer der GEDIA Automotive Group aus Attendorn merkte an, dass der Einfluss der rückläufigen Automobilproduktion auf die europäische und vor allem die deutsche Wirtschaft gravierend sei. Gertrud Traud pflichtete dem Unternehmer bei.

Trotz aller vorhandenen Schwierigkeiten appellierte die Referentin, die Sachlage differenziert und ohne Hektik zu betrachten. In Deutschland herrsche zurzeit zweifelsfrei „eine Industrie-Rezession“. Der in erster Linie durch den Immobilienmarkt getriebene Aufschwung sei jedoch noch nicht vorbei: „Wir gehen davon aus, dass die Wachstumsrate von 0,6 % für das Jahr 2019 das Tief markiert und es im kommenden Jahr wieder bergauf geht“, ordnete Traud ein.

Deutschland müsse dennoch aufpassen, im internationalen Vergleich nicht den Anschluss zu verlieren. „Alle anderen Länder sprechen von Steuersenkungen und setzen diese auch um. Das ist auch in der Bundesrepublik zwingend erforderlich. Mein Appell: Beschweren Sie sich wieder mehr!“ Dieser Aufforderung kam der Ausschussvorsitzende Rainer Dango, geschäftsführender Gesellschafter des Schwermaschinenbauers DANGO & DIENENTHAL aus Siegen, sogleich nach. Der Bundesregierung attestierte er massive Unzulänglichkeiten im Bezug darauf, der Wirtschaft adäquate Rahmenbedingungen zu schaffen: „Was wir zurzeit erleben, ist eine politische Farce. Die Entscheidungsträger sind nur noch mit sich selbst beschäftigt.“  

Gemeinsam mit ihren Zuhörern diskutierte Gertrud Traud zudem über mögliche neue Märkte und Zielländer. André E. Barten, Geschäftsführender Gesellschafter der Achenbach Buschhütten GmbH & Co. KG aus Kreuztal, unterstrich in diesem Kontext, dass etwa die Zusammenarbeit mit Indien eine immer größere Bedeutung einnehme – gerade in der für sein Unternehmen relevanten Branche des Maschinen- und Anlagenbaus. Diese Einschätzung erfuhr breite Zustimmung unter den Vertretern des Ausschusses. Rainer Dango ergänzte seine eigenen Erfahrungen auf dem indischen Markt und bestätigte, dass das Land auch für seine Firma eine wachsende Relevanz besitze.

Jens Brill, Leiter des Außenhandelsressorts der IHK Siegen, brachte anschließend noch weitere aktuelle Themen zur Sprache, unter anderem die leidige Diskussion über die sogenannte A1-Bescheinigung, die Unternehmen im Fall einer Mitarbeiterentsendung ins Ausland ausfüllen müssen. Die Regelung sorgt für großen Unmut unter den Verantwortlichen heimischer Firmen. Frieder Spannagel, Geschäftsführer der in Siegen ansässigen Gontermann-Peipers GmbH, verwies darauf, dass vor allem Österreich und Frankreich das Reglement sehr streng auslegten. IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener fand deutliche Worte: „Was hier passiert, ist das Gegenteil von Bürokratieabbau.“ Die beiden EU-Abkommen mit Südamerika und Vietnam indes betreffen die hiesigen Unternehmen bislang allenfalls sekundär.

Welche primäre Rolle hingegen das am Rande der Oberstadt gelegene Gründerwerk der Sparkasse Siegen in den kommenden Jahren für die gesamte Region einnehmen werde, erläuterte Burkhard Braach, Vorstand des Kreditinstituts. Vor nunmehr sechs Monaten gegründet, habe der neue Kristallisationspunkt für Start-up-Aktivitäten bereits mehr als 1500 Besucher angezogen: „Wir können gemeinsam mit unseren Kunden lernen, was Zukunft bedeutet – und diese dann gemeinsam gestalten.“

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