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Nr. 091: "Mehr Strecken und höherer Takt sind Voraussetzung": Kreishandwerkerschaft und IHK veröffentlichen Umfrageergebnisse zum Azubiticket

16.10.2019 | Die meisten Ausbildungsbetriebe in der Region sehen einen Ausbau des ÖPNV-Angebotes als Voraussetzung für einen Erfolg des Azubitickets. Drei von vier Unternehmen sind der Auffassung, dass zunächst das Streckenangebot ausgebaut werden muss. Dass der ÖPNV-Takt verdichtet werden muss, gaben in einer gemeinsamen Umfrage der IHK Siegen und Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd gar 80 % der 212 mitwirkenden Unternehmen an. „Hier schlagen die strukturellen Nachteile eines eher ländlich geprägten Wirtschaftsraumes durch. Was hilft ein preislich attraktives Angebot, wenn der Auszubildende nicht von A nach B kommt? Es läuft ins Leere!“, schlussfolgert Jürgen Haßler. Der  Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd  stellte gemeinsam mit IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener und Klaus Fenster, Leiter des Geschäftsbereiches Berufliche Bildung bei der IHK, die Umfrageergebnisse der Öffentlichkeit vor.

Zwar meldet fast jeder dritte Betrieb (32 %) ein hohes Interesse seiner Auszubildenden an dem neuen Angebot. Allerdings: Die Mehrheit der Auszubildenden (64 %) hat nach Einschätzung der Unternehmen ein nur geringes oder gar kein Interesse. Als Gründe hierfür werden eine schlechte Erreichbarkeit sowie eine unzureichende zeitliche Abdeckung und lange Wartezeiten genannt. Mehr als ein Drittel der Betriebe (34 %) schätzt die eigene Erreichbarkeit mit dem ÖPNV als schlecht oder sehr schlecht ein. Ins Bild passt daher auch, dass die deutliche Mehrheit der Auszubildenden (72 %) mit dem eigenen Fahrzeug (Pkw, Moped, Mofa) zum Betriebsort gelangt, nur knapp 16 % der Betriebe geben an, dass hierfür das bestehende ÖPNV-Angebot genutzt wird. 7 % greifen auf Mitfahrgelegenheiten zurück, gerade einmal 1,4 % fahren mit dem Fahrrad zum Unternehmen.

Mit dem Ticket alleine lasse sich die Grundhaltung junger Menschen, lieber mit dem eigenen Pkw zu fahren, vermutlich nur schwer verändern, ist Jürgen Haßler überzeugt: „Das Ticket und die mit ihm verbundenen Mehrwerte, wie etwa die landesweite Gültigkeit für einen geringen Aufpreis, kommen in unserem Wirtschaftsraum faktisch bei der Zielgruppe nicht an.“ Hierfür fehle es an den grundlegenden Voraussetzungen. Und dies seien eben in erster Linie eine spürbar bessere räumliche und zeitliche Anbindung des Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes.

Das Land NRW fördert das verbundweite Ticket in Westfalen 2019 und 2020 mit 6,5 Mio. €. Hinzu kommt eine Förderung für das landesweit  gültige  Zuschlagsticket „NRWupgrade“ im selben Zeitraum in Höhe von knapp 7 Mio. €. Ärgerlich sei, dass in unserer Region nicht zunächst die bestehenden Defizite in der Anbindung behoben würden. So werde der erste Schritt vor dem zweiten getan, ergänzt Klaus Gräbener: „Die ärgerliche Folge ist, dass so die Landesförderung für das Azubiticket weit überwiegend in die Metropolen in Rhein und Ruhr fließt und der ländliche Raum mit Blick auf den Nutzen eher leer ausgeht.“

Dabei zeigen die Umfrageergebnisse, dass die heimischen Unternehmen für das Instrument durchaus aufgeschlossen sind. Eine Mehrheit der Betriebe (59 %) findet es sinnvoll, das Azubiticket sowohl in Ballungsräumen als auch in ländlichen Regionen umzusetzen. 43 % der befragten Betriebe sind bereit, sich an den Kosten für das Ticket zu beteiligen. Sie verbinden damit nach eigenem Bekunden die Hoffnung, nicht nur die Mobilität der Auszubildenden, sondern auch die Attraktivität des eigenen Unternehmens in der öffentlichen Wahrnehmung zu steigern. „Offensichtlich stößt das Instrument auf wachsende Sympathie. Dafür spricht auch, dass es jeder zweite Ausbildungsbetrieb für wahrscheinlich hält, dass sich durch das Azubiticket die Nutzung des ÖPNV erhöhen wird“, erläutert Klaus Fenster. Angesichts der unzureichenden Gegebenheiten vor Ort verwundere es nicht, dass die meisten Geschäftsleitungen (58 %) Zweifel hegten, ob ein Azubiticket Nachwuchskräfte vom eigenen Unternehmen überzeugen kann. Begründet wird dies unter anderem damit, dass Fahrtkosten für die jungen Menschen häufig keine große Rolle bei der Entscheidung für oder gegen einen Betrieb spielten. Wichtiger sei beispielsweise die Ausbildungsqualität.

Wenngleich sich die Ergebnisse bei Handwerksbetrieben und den Industrie-, Handel- und Dienstleistungsunternehmen in ihrer Grundtendenz nicht unterscheiden, weichen sie in ihrer Intensität teilweise voneinander ab. So wird die eigene Erreichbarkeit des jeweiligen Standortes nur von 30% der 44 befragten Handwerksbetriebe als schlecht oder sehr schlecht bewertet, bei den 168 befragten Mitgliedsunternehmen der IHK sind es immerhin 36 %. Während bei IHK-Betrieben nur 13 % der Auszubildenden den ÖPNV für die Fahrt zur Ausbildungsstätte nutzen, sind es bei den Handwerksbetrieben bereits 25 %. Nur bei einem Thema, gehen die Ergebnisse deutlicher auseinander: 66 % der Handwerksbetriebe sind bereit, sich an den Kosten für ein Azubiticket zu beteiligen. Bei den IHK-zugehörigen Betrieben sind es 37 %, was in etwa den Ergebnissen früherer IHK-Umfragen entspricht. Allerdings haben in der aktuellen Befragung rund ein Drittel der Befragten (32 %) offen gehalten, ob sie sich künftig an den Kosten beteiligen oder nicht. Klaus Gräbener: „Erfahrungsgemäß zahlen viele dieser Betriebe den Auszubildenden bereits Fahrtkostenzuschüsse oder bieten andere Vergünstigungen an, um etwa Belastungen der Auszubildenden durch Benzinkosten abzufedern.“

In diesen Unterschieden wird deutlich, dass sich viele Handwerksbetriebe in zentraler gelegenen Gebieten, etwa in Siedlungsbereichen oder in Siedlungsnähe, befinden. Dabei handelt es sich um Standorte, die im Zweifel bereits heute besser an den ÖPNV angebunden sind als peripher gelegene Industrie- und Gewerbegebiete. Trotzdem glaubt mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe nicht, dass das Ticket geeignet sei, Nachwuchskräfte vom Unternehmen zu überzeugen.

„Die Skepsis überwiegt“, betont Jürgen Haßler. „Wenn eine stärkere Nutzung von Bus und Bahn politisch gewollt ist, führt der Weg zum Erfolg des Azubitickets im heimischen Wirtschaftsraum nur über mehr Strecken und höheren Takt. Bleibt der Ausbau aus, läuft das Ticket Gefahr, ein dauerhaftes Schattendasein zu fristen. Die Chance wäre vertan!“

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