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Nr. 092: Deutsche Wirtschaft auf dem Sprung?

16.10.2019 | „Wir wollen eine freiheitlich-demokratische Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung finden“, beschrieb Rafael Laguna de la Vera seine neue Aufgabe als Direktor der am 10. Oktober in Leipzig gegründeten Agentur für Sprunginnovationen Deutschlands. Zum Austausch hatte IHK-Präsident Felix G. Hensel eingeladen, der sich erfreut zeigte, dass ein Unternehmer aus der heimischen Region in der Agentur in Leipzig die Fäden zusammenhält. Die etwa 50 Unternehmer, die beim „Olper Stammtisch“ der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen den Ausführungen Lagunas gebannt zuhörten, waren beeindruckt von dessen unternehmerischer Leistung und von seiner Weitsicht, die sicher der Hauptgrund für seine Berufung in das neue Amt war. 

Unternehmen und Amt hängen auch anders zusammen: Laguna gründete die Open-Xchange GmbH in Olpe gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Frank Hoberg, um der Marktmacht der amerikanischen Digitalkonzerne ein anderes Konzept entgegenzusetzen. „Open Source“ lautet seine Antwort auf die Monopolstellungen in der digitalisierten Welt, also frei zugängliche Anwendungen mit offenem Code. Die Software von Open-Xchange administriert inzwischen etwa 2,8 Mrd. E-Mail-Adressen, acht von elf Mio. E-Mail-Servern werden damit betrieben. Beeindruckende Zahlen, die Laguna gut begründete: Eben weil die Software offen und frei sei, werde sie von vielen Unternehmen genutzt und auf die individuellen Bedürfnisse angepasst. Programmierer verbessern sie auf freiwilliger Basis, die vielen Nutzer geben Feedback und so werde das System fast von alleine immer besser, individueller und vor allem sicherer. Das Geschäftsmodell ergibt sich aus dem begleitenden Support und nicht aus dem Verkauf von Software. 

Ein ebenso offenes System schwebt Laguna für die zukünftigen Sprunginnovationen vor. Es gehe darum, Erfindungen und Entwicklungen zu fördern, die das Potenzial haben, das Leben der Menschen grundsätzlich zu verbessern. Darüber hinaus ist das Ziel, nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Wertschöpfung in Deutschland bzw. Europa zu halten – anders als bei anderen Erfindungen, wie zum Beispiel dem Format mp3, für das das Fraunhofer Institut zwar Lizenzeinnahmen generieren konnte, die eigentliche Wertschöpfung jedoch via Spotify in Schweden oder Apple Music in den USA erfolge. „Die letzte Sprunginnovation, bei der sowohl die Entwicklungsleistung als auch die Wertschöpfung bei uns blieben, war das Auto“, so Laguna provokativ. Deshalb gelte es jetzt, nach dem Vorbild der DARPA in den USA (den Erfindern von Internet und GPS) sowie ähnlichen Einrichtungen anderswo auf der Welt, die Segnungen der Digitalisierung auch für Europa und insbesondere Deutschland in die Wertschöpfungsketten stärker zu integrieren. Als Warnung hob Laguna hervor, dass bereits einzelne Digitalkonzerne in den USA Börsenwerte hätten, die den Wert der DAX30-Konzerne überstiegen. Wer Datensouveränität wolle, müsse die Monopolstellung dieser Konzerne durchbrechen. Er trete für offene Systeme ein, weil geschlossene eine immense Abhängigkeit von einzelnen Anbietern auslösten. „In der Forschung und Entwicklung steht Deutschland von den Budgets aus betrachtet an der Weltspitze. Dies muss jetzt stärker und immer wieder neu in Wirtschaftsleistung umgesetzt werden“, lautete der Appell Lagunas. Als Inkubator werde die Agentur die Projekte begleiten, bis klar sei, ob sie zum Erfolg geführt werden könnten. Dies sei eine langfristige Aufgabe. Für gute Ergebnisse bedürfe es zudem einer soliden Spätphasenfinanzierung für Start-ups, die es bisher in der benötigten Größenordnung für Gründungen in Deutschland nicht gebe. „Dazu müssten allerdings beispielsweise Regeln so geändert werden, dass Banken und Versicherer wenigstens einen Teil des zum 0-%-Zinssatz ‚geparkten‘ Geldes auch für Risikofinanzierungen nutzen können“, forderte der Unternehmer.

Ein anderes Megathema wurde im Veischedetal ebenfalls diskutiert: Mit Dr. Christopher Grünewald (Gebr. Grünewald GmbH & Co. KG, Kirchhundem) referierte ein weiterer Unternehmer aus dem Kreis Olpe und befasste sich mit den aktuellen Beschlüssen der Bundesregierung zur Klimapolitik. Dr. Grünewald ist seit Jahren als Experte für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie e. V.) in Sachen Energie- und Klimapolitik in verschiedenen Gremien tätig, so auch zuletzt als Sachverständiger in der sog. Kohlekommission. Seine Einschätzung zum „Klimapaket“: „Wir müssen aufpassen, dass die angestrebten CO2-Ziele mit Hilfe von Effizienzsteigerungen und Innovationen und nicht durch einen Rückgang der Produktion in Deutschland erreicht werden!“ Die tonnenscharfe Begrenzung der nationalen CO2-Emissionen für jeden Sektor und jedes Jahr könne die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft massiv beeinträchtigen. Wenn die Produktion dann im Ausland stattfinden würde, wäre dem Klima wenig geholfen, so seine Botschaft. 

Hier mahnte auch Felix G. Hensel zur Vorsicht, „denn die neuesten Daten zur Konjunktur sind im IHK-Bezirk alarmierend“, wie er konstatierte. IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener brachte die Ergebnisse der jüngsten Konjunkturumfrage auf den Punkt. „Wir diskutieren das Auto politisch kaputt und staunen zugleich darüber, dass die Automobilzulieferer zu kämpfen haben“, fasste er zusammen. Zwar gebe es nach wie vor etwa in der Bauwirtschaft oder im Einzelhandel positive Trends. Der Konjunkturklimaindex sei jedoch binnen zwölf Monaten außerordentlich stark gefallen, wenn auch von einem extrem hohen Niveau aus. Fachkräfte und Inlandsnachfrage hemmten das Wachstum, die Auslandsaufträge der Industrie befänden sich weiter im Sinkflug. „Insofern weisen die Aussichten auf Sprunginnovationen vielleicht einen Ausweg!“, kam Gräbener noch einmal auf den Ausgangspunkt des Abends zurück.

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