PDF wird generiert
Bitte warten!

Nr. 108: „,Es einfach durchziehen!': IHK-Veranstaltung zu Unternehmensnachfolge lieferte wertvolle Impulse"

03.12.2019 | „Wenn man viel Herzblut hat und von seiner Idee überzeugt ist, sollte man es einfach durchziehen!“ Gefragt nach ihrem wichtigsten Rat an Menschen, die ein Geschäft übernehmen wollen, appelliert Annedore Cronrath an den Mut der möglichen Nachfolger. Seit Juli ist die gebürtige Siegenerin Inhaberin des Feinkostgeschäftes „Gut & Gerne“. Viele Jahre lang war sie zuvor als selbstständige Handelsvertreterin in ganz Deutschland unterwegs. Nach 30 Jahren sollte damit Schluss sein. Für sie stand schon länger fest, dass sie sich dann beruflich noch einmal grundlegend verändern würde. „Ich habe mich entschlossen, ab sofort lieber hinter der Theke als im Stau zu stehen!“

Die Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) hatte mehrere Unternehmerpersönlichkeiten zu ihrer Veranstaltung „Unternehmensnachfolge zielgerichtet planen“ im Bernhard-Weiss-Saal eingeladen, um „hautnah“ und offen von ihren Erfahrungen mit diesem sensiblen Thema zu berichten. Das unternehmerische Wagnis einzugehen und sich voll auf diese Aufgabe einzulassen, sei eine enorme Herausforderung gewesen, räumte Cronrath ein. Schließlich bedeute ein solcher Schritt große Veränderungen. Am grundlegenden strategischen Konzept ihres Vorgängers für das Traditionsgeschäft hat sie bewusst nicht viel verändert. Dennoch trägt der Laden nun zunehmend auch ihre ganz eigene Handschrift.

Martin Achatzi vom Canon Shop aus Bad Laasphe konnte die Nachfolge dagegen familienintern regeln. Welche Vorteile dies hat? „Unzählige“, antwortet der Wittgensteiner. Er berichtete von seinen persönlichen Eindrücken, die er im Zuge der Übergabe an seinen Sohn Peter Achatzi gesammelt hat. Die Führungsverantwortung 2018 im Alter von 55 Jahren abgetreten zu haben, war eine bewusste Entscheidung, die der erfahrene Unternehmer aus voller Überzeugung jederzeit wieder treffen würde: „Ich habe das Geschäft selbst gegründet und 28 Jahre geleitet. Mir war nicht von Anfang an klar, dass mein Sohn den Betrieb übernehmen würde. Aber dann hat er über lange Zeit im Laden geholfen, eine Ausbildung zum Fotografen gemacht und immer mehr wichtige Aufgaben übernommen. Irgendwann war dann einfach die Zeit reif“, blickt er zurück. Der Übergabeprozess selbst inklusive intensiver Einarbeitung sei reibungslos und fließend verlaufen. Eine Alternative zur familieninternen Nachfolge wäre bei dieser Branche, wenn überhaupt, nur sehr schwierig zu finden gewesen, vermutet Achatzi. „Dann hätte ich mich höchstwahrscheinlich nicht zum jetzigen Zeitpunkt aus dem Geschäft zurückziehen können.“

Neue Akzente gesetzt hat auch Thomas Uebach, Inhaber des Küche & Co Studios in Siegen. Er ist seit Jahrzehnten in der Branche aktiv und hat vor fast zwei Jahren den Weg in die Selbstständigkeit gefunden. An die knapp 40 Zuhörer in der Veranstaltung richtete er zunächst einen wichtigen Appell: „Wenn Sie einen solchen Entschluss treffen, müssen Sie sich darüber bewusst sein, dass Ihre Existenz ab sofort von Ihnen selbst abhängt.“ Er habe dies jedoch nicht als Druck, sondern als Ausdruck unternehmerischer Freiheit und persönlicher Entfaltung empfunden. Im beruflichen Alltag habe es ihm sehr geholfen, dass er in den ersten Monaten noch auf die tatkräftige Unterstützung seiner Vorgänger zurückgreifen konnte. Uebach kommt aus der Küchenbranche, hatte hier im Vorfeld über Jahre wertvolle Erfahrungen gesammelt. „Für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen. Ohne diesen Hintergrund hätte ich das Wagnis nicht eingehen können.“

Einen konsequent eingeleiteten Einstieg in die Führungsrolle hat Ronny Stöcker hinter sich. Der 38-Jährige fungiert als angestellter Geschäftsführer der Gräbener Pressensysteme GmbH & Co. KG in Netphen. Bevor er die Verantwortung in dieser Position übernahm, war er bereits mehrere Jahre lang als Serviceleiter für den 60 Mitarbeiter starken Betrieb tätig. „Das war für mich natürlich ein riesiger Vorteil“, fasste der Unternehmer zusammen. Der Schritt „vom Kollegen zum Chef“ sei positiv verlaufen, da er sowohl mit den Beschäftigten als auch mit der kompletten Struktur der Firma und den Kundenbeziehungen bestens vertraut gewesen sei. Dies habe es ihm auch leichter gemacht, mehr auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter zu setzen, was sich durchweg positiv ausgewirkt habe. „Ein intensiver Dialog spielt dabei eine wichtige Rolle“. Das gilt auch für das Zusammenwirken mit dem zweiten Geschäftsführer des Unternehmens, beispielsweise in strategischen Fragen. Eine wichtige Bereicherung des eigenen Horizonts sieht Ronny Stöcker überdies in einer aktiven Beteiligung an der Arbeit der Wirtschaftsjunioren Südwestfalen, deren Vorsitzender er zeitweise war.

Rechtsanwalt und Notar Tim Holzhauer (Dr. Schön – Rechtsanwälte und Notare, Siegen) präsentierte schließlich rechtliche Grundlagen, die bei einer Firmenübergabe relevant sind. In diesem Kontext empfahl er, zunächst einen vollständigen Plan und persönliche Ziele festzulegen. Darüber hinaus sei es wichtig, sich frühzeitig Berater unterschiedlicher Metiers – etwa auch in puncto Steuern – an den Tisch zu holen. So gelinge es, etwaige Hürden zu identifizieren und gezielt an Lösungen zu arbeiten, um nicht in Probleme zu geraten. Im Anschluss an die Vorträge nutzten die Teilnehmer der Veranstaltung die Gelegenheit, mit den Referenten in den Dialog zu treten und sich auszutauschen. 

Das Thema Unternehmensnachfolge betreffe derart viele Betriebe, dass es sich auf den gesamten Wirtschaftsstandort auswirke, verdeutlichte IHK-Geschäftsführer Hans-Peter Langer, der die Veranstaltung moderierte. Bundesweit würden in den kommenden fünf Jahren rund 850.000 Inhaber mittelständischer Unternehmen ihre Tätigkeit aufgeben. Etwa 500.000 davon wollten ihre Firma an einen Nachfolger übergeben. Unterstützung biete die IHK unter anderem mit ihrem Mentorenprogramm. Einer der Mentoren ist seit einigen Jahren Rudolf Grüneberg, der veranschaulichte, wie die ehrenamtlichen Helfer ihre Expertise konkret zur Verfügung stellen: „Im Laufe eines Betriebszyklus stößt man immer wieder an Grenzen. In solchen Momenten kann es Gold wert sein, Unterstützung von außen zu erhalten.“ Die Mentoren haben ihre Schwerpunkte in unterschiedlichsten Themenfeldern. Ihr im Einzelfall jeweils temporär begrenzter Einsatz dient dem Wissenstransfer auf Augenhöhe. „Unser Programm ist kostenlos, aber niemals umsonst“, unterstrich Grüneberg. Er riet dazu, die Übergabe frühzeitig anzugehen. So gelinge es als Senior am ehesten, die Nachfolge selbst aktiv zu gestalten.

Seiten-ID: 3192

Seiten-ID3192

Ansprechpartner

Hans-Peter Langer

Tel: 0271 3302-313
Fax: 0271 3302-44313
E-Mail