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Nr. 044: Geopolitik trifft Praxis: Welthandel unter Druck: IHK-Außenwirtschaftsausschuss zu Gast bei EJOT in Bad Laasphe

22. Juni 2026/ Welthandel unter Druck, Lieferketten im Wandel und Export Compliance als Unternehmensaufgabe – diese Themen standen im Mittelpunkt der jüngsten Sitzung des IHK-Außenwirtschaftsausschusses, die bei der EJOT-Unternehmensgruppe an deren Standort in Bad Laasphe stattfand.

Die Ausschussmitglieder besuchten mit dem EJOT TEC Center ein modernes Innovations- und Entwicklungszentrum, das den Austausch zwischen Forschung, Produktion und Praxis fördert. Zudem erhielten sie eine Führung durch das benachbarte EJOT-Werk „In der Aue". „Hausherr“ Christian F. Kocherscheidt gab den Teilnehmern Einblicke in die beeindruckende Erfolgsgeschichte des familiengeführten Wittgensteiner Unternehmens: Gegründet 1922 als kleiner Betrieb in Berghausen bei Bad Berleburg, gehört EJOT heute zu den führenden Spezialisten der Verbindungs- und Befestigungstechnik mit 51 Standorten weltweit und rund 4.300 Mitarbeitern. Das internationale Geschäft dominiert längst, während der heimische Markt stagniert. Ein großer Teil des Umsatzes ist eng mit der Automobilindustrie verknüpft: „Weltweit wird jede zweite Schraube in Autos verbaut", erklärte Kocherscheidt.

Im Anschluss eröffnete Frank-Martin Bub, Pollrich GmbH, die Sitzung des Außenwirtschaftsausschusses in Vertretung des Vorsitzenden Rainer Dango. Er begrüßte mit George Grech, Gründer von GREX Strategies und ehemaliger EU-Sanktionsunterhändler, einen ausgewiesenen Experten für Sanktionen und Außenpolitik. Grech machte deutlich, dass Logistikunterbrechungen wie derzeit im Nahen Osten längst nicht mehr nur ein Transportproblem seien, sondern sich zu einem ernsthaften Compliance-Risiko entwickelt hätten. Seine zentrale Botschaft: Wer heute exportiert, müsse nicht mehr nur fragen „Wer ist mein Kunde?", sondern auch: „Welche Route, welcher Hafen, welches Schiff, welcher Zwischenhändler und welche Bank sind beteiligt?" 

Eine Routenänderung auf dem Warenweg könne innerhalb kürzester Zeit zu einem Problem in den Bereichen Zoll, Sanktionen, Versicherung oder Bankabwicklung werden. Der Experte empfahl den Ausschussmitgliedern, Routen und beteiligte Parteien regelmäßig zu überprüfen, Dokumente konsistent zu halten und Entscheidungsprozesse sorgfältig zu dokumentieren. Besondere Aufmerksamkeit verlangten Warnsignale wie verheimlichte Endempfänger, geänderte Warenbeschreibungen oder ungewöhnlicher Zeitdruck. „Die Route selbst ist Teil der Risikobeurteilung", unterstrich der Experte. „Wer seine Lieferketten, Dokumente und Entscheidungsprozesse nicht aktiv im Griff hat, riskiert nicht nur logistische Verzögerungen, sondern auch rechtliche und reputationsbezogene Konsequenzen." Katharina Sauer, Leiterin des Referats Internationales der IHK Siegen, bestätigte, dass eine genaue Befassung mit Exportkontrolle und Finanzkriminalitäts-Compliance heute wichtiger denn je sei: „Zunehmende Sanktionen und Embargos, verschärfte internationale Standards und weitergehende Transparenzpflichten bedeuten mehr Verantwortung bei den Unternehmen und dort entsprechend mehr Aufwand.“

Zu den aktuellen logistischen und zollpolitischen Entwicklungen lieferte Logistikexperte Holger Schmidt von der M.G. International (MGI) einen profunden Lageüberblick. Seit der Sperrung der Straße von Hormus im Februar 2026 sei der kommerzielle Schiffsverkehr durch eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt weitgehend zum Erliegen gekommen. Reedereien hätten Buchungen eingestellt, Fracht werde an Ausweichhäfen umgeleitet, und Zusatzkosten von mehreren tausend US-Dollar pro Container seien keine Seltenheit. Parallel dazu bleibe die US-Zollbelastung hoch.

Der Logistiker empfahl den Unternehmen, ihre Lieferkettenexposition gegenüber der Golfregion und den USA zu analysieren, Verträge und Transportversicherungen auf Kriegsrisikoklauseln zu überprüfen und Ausweichrouten frühzeitig zu evaluieren. Zudem sollten Unternehmen, die Sonderzölle nach dem International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) gezahlt hätten, umgehend prüfen, ob sie erstattungsberechtigt seien. Bislang seien bereits rund 20,6 Mrd. USD rückgezahlt; insgesamt seien bis zu 175 Mrd. USD möglich.

Abschließend stellte IHK-Geschäftsführer Jens Brill den von der Europäischen Union geplanten Industrial Accelerator Act (IAA) vor, mit dem Brüssel die industrielle Wertschöpfung in Europa bis 2035 auf 20 % des Bruttoinlandsprodukts steigern möchte. Die Ausschussmitglieder erörterten in einem breit gefächerten Meinungsbild Für und Wider einer gerade im öffentlichen Sektor angestrebten Buy-Europe-Politik. Der Ausschuss würdigte positive Ansätze der politischen Zielsetzung, zumal internationale Konkurrenz seit Jahren Vorteile aus ungleichen Bedingungen ziehe, warnte aber zugleich vor ausufernder Bürokratie und möglichen Eingriffen in die unternehmerische Freiheit.

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