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Verbindung Kreuztal-Verona: Bahnbrechend und zukunftsweisend

Text von Katja Sponholz

Wer „Verona“ hört, denkt vermutlich zuerst an das römische Amphitheater, an den Schauplatz von Shakespeares „Romeo und Julia“, an die wunderschöne Urlaubsregion Venetien mit leckerem Essen und gutem Wein. Bei Christian Betchen, dem Geschäftsführer der KSW Kreisbahn Siegen-Wittgenstein GmbH, ist das anders: Er denkt bei diesem norditalienischen Städtenamen vor allem an eine Bahnverbindung. Und zwar an eine ganz besondere: Denn am 6. Mai wird sich der erste Zug vom neuen Container-Terminal in Kreuztal mit dem Ziel Verona in Bewegung setzen.

››  „Damit werden wir Südwestfalen, die stärkste Wirtschaftsregion in NRW, mit einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt in Norditalien verbinden – mit einem Gebiet, das nicht nur touristisch attraktiv, sondern ein wirtschaftliches Schwergewicht mit einemspannenden Entwicklungspotenzial ist“, erklärt der 38-Jährige, der zugleich Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Südwestfalen Container-Terminal GmbH (SWCT) ist. Zudem verknüpfe die neue Strecke zwei Gegenden, die auch wirtschaftlich gut zusammenpassen: „Eine klassische Stahl verarbeitende Region mit einer, die viel Stahl empfängt und versendet.“ Und noch etwas freut Betchen besonders an dieser intermodalen Verkehrsverbindung: dass nun der Jungfernzug, der bald von dem neuen Terminal startet, gleich grenzüberschreitend unterwegs ist – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im einund ausgehenden Schienengüterverkehr Siegen-Wittgenstein. Zunächst dreimal in der Woche wird der Zug zwischen Südwestfalen und Norditalien in beide Richtungen verkehren.

Erster Kunde und auch Promotor ist die GRUBER Logistics mit Sitz in Auer (Südtirol): ein internationales Transportunternehmen in Familienbesitz mit 900 Mitarbeitern, einem Jahresumsatz von 340 Mio. €, 24 Niederlassungen in ganz Europa sowie Russland und China – und seit 13 Jahren auch einem Standort in Kreuztal. „Als wir gehört haben, dass es Überlegungen gibt, den Bahnhof wiederzubeleben, haben wir sofort Kontakt zu den Verantwortlichen aufgenommen und uns um einen Zug nach Italien bemüht“, berichtet Martin Gruber, einer der geschäftsführenden Gesellschafter. Die Frage nach den Hintergründen sei leicht zu beantworten: „Im Fokus steht natürlich die Umweltfreundlichkeit: Uns geht es darum, dass wir eine Verlagerung von der Straße auf die Schiene forcieren. Preislich gibt es keinen großen Unterschied zwischen Straße und Bahn“, konstatiert der 39-Jährige. Gleichzeitig wolle man auch eine größere lokale Kundschaft im Siegener Raum – in einem Umkreis von 50 bis 80 km – ansprechen und den Kunden durch den kombinierten Verkehr eine höhere Flexibilität ermöglichen. „Der Zug fährt immer!“, betont Gruber. Außerdem könne man den Kunden, die ein Zwischenlager benötigen, die Möglichkeit geben, Trailer am Bahnhof zu stationieren. „So wäre es möglich, in kurzer Zeit große Mengen vom Werk abzuholen und bei Bedarf am Terminal zwischenzulagern, um sie dann auf Wunsch nach Italien zu bringen.“ Auch dort habe das Unternehmen Lagerflächen, sodass man über den Transport hinaus weiterführende Logistik-Dienstleistungen anbieten könne.

Unabhängig davon gibt es noch viele weitere Pluspunkte für den intermodalen Verkehr: beispielsweise mehr Ladungsgewicht. Denn im Vergleich zum durchgehenden Straßengüterverkehr sind im Vor- und Nachlauf zu den Terminals 44 t Gesamtgewicht zulässig – also 10 % mehr. „Der Gesetzgeber belohnt schienengebundene
Transporte damit, dass das zulässige Gesamtgewicht 4 t höher sein darf“, erläutert Betchen. Hinzu komme: Der Zugverkehr sei von Sonn- und Feiertagsfahrverboten befreit, und auch in personeller Hinsicht biete der Transport über die Schiene statt über die Straße Vorteile: „In der heutigen Zeit des Fachkräftemangels ist es sicherlich einfacher, Fahrer zu finden, die nur kurze Strecken fahren, als solche, die im Fernverkehr ihr Leben im Lkw verbringen wollen.“

Die Kombiverkehr / Deutsche Gesellschaft für kombinierten Güterverkehr, die neben der KSW zu 50 % Gesellschafter der Betreibergesellschaft des Container-Terminals ist, sieht noch viele weitere Pluspunkte. So biete der Transport von Waren auf der Schiene 40-mal mehr Sicherheit. Diebstähle und Beschädigungen seien wesentlich seltener als auf der Straße festzustellen. Ein Grund mehr also, sensible Gefahrgüter oder hochwertige Metalle auf der Schiene transportieren zu lassen. Zudem sei im kombinierten Verkehr das Investitionsrisiko erheblicher geringer als im durchgehenden Straßengüterverkehr. Denn um die gleiche Menge an Trailern, Containern oder Wechselbehältern zu bewegen, benötigten die Unternehmer einfach weniger ziehende Einheiten. Und ein kleinerer Fuhrpark bedeute gleichzeitig auch weniger gebundenes Kapital.

Nicht zuletzt senkt der intermodale Verkehr die Mautkosten. Denn lediglich im Vor- und Nachlauf, also in den im Vergleich zumHauptlauf kurzen Strecken, ist für die Benutzung der Bundesautobahnen und -straßen eine Mautgebühr zu zahlen. Vor allem aber wird beim Umstieg von Straße auf Schiene das klimaschädliche Kohlendioxid deutlich reduziert: „Aufgrund der Tatsache, dass bei Schienentransport pro Tonnenkilometer weniger Energie aufgewendet werden muss, werden rund zwei Drittel des klimaschädlichen Kohlendioxids eingespart“, sagt Robert Breuhahn, Geschäftsführer der Gesellschaft Kombiverkehr. Als führender Intermodal-Anbieter hält sie rund 170 Zugabfahrten mit mehr als 15.000 Verbindungen pro Nacht quer durch Europa bereit. Die neue Direktzug-Verbindung Kreuztal-Verona erweitere das internationale Netzwerk und werde der Region den intermodalen Verkehr „ein großes Stück näher bringen“.

Dank des neuen Terminals hätten nun auch Logistikunternehmen in Südwestfalen die Chance, ihre heute noch auf der Straße abgewickelten Transporte von und nach Norditalien auf die umweltfreundliche Schiene zu verlagern. „Um hierfür ein marktgerechtes Angebot bereitzustellen, haben wir alles darangesetzt, den Wunschfahrplan der zukünftigen Nutzer weitestgehend zu realisieren“, erklärt Breuhahn. Aufgrund der momentan hohen Belegung sowohl des Terminals Verona Quadrante Europa als auch der italienischen Trassen sei dies nicht ganz einfach gewesen – aber letztendlich doch gelungen: „An fast allen Verkehrstagen sprechen späte Annahmeschluss- und frühe Bereitstellungszeiten für die Attraktivität unseres neuen Angebotes.“

Gleichwohl warten auf die Betreiber des Südwestfalen Container-Terminals noch einige Herausforderungen. „Die größte wird sein, dass wir Aufklärungsarbeit zu leisten haben, um eine Region, die kombinierten Verkehr nicht gewohnt ist, erst einmal dafür zu gewinnen“, meint Christian Betchen. Für die Verlader, die im Ruhrgebiet oder Rhein-Main-Neckar-Delta beheimatet seien, wo es seit 20 bis 30 Jahren intermodale Angebote gebe, sei dies etwas ganz Normales. Bei den mittelständischen Verladern im Siegerland sehe das jedoch noch anders aus. „Da gibt es eine gewisse Grundskepsis. Sicherlich werden einige den Start erst einmal abwarten“, berichtet der Diplom-Betriebswirt.

Bei der GRUBER Logistics allerdings musste man für die Vorteile des Kombinierten Verkehrs nicht erst werben – denn das hieße, Eulen nach Athen zu tragen. „Wir betreiben den intermodalen Verkehr schon seit 40 Jahren und sind auf diesem Feld einer der Pioniere in Italien“, erklärt Martin Gruber. Bereits heute erfolgten 30 % der Alpen-Überquerungen seines Unternehmens per Bahn. „Das ist eine große Nummer“, sagt Gruber nicht ohne Stolz – zumal man mit dieser Quote schon das Ziel
erreiche, das sich die Europäische Union auf die Fahnen geschrieben habe. Im Siegerland herrscht beim Umstieg auf die Schiene allerdings noch deutlicher Optimierungs- und Aufklärungsbedarf. „Wir würden natürlich gerne viele Transporte, die heute noch auf der Straße mit einer Vielzahl von verschiedenen Unternehmern gefahren werden, auf den Zug ziehen“, gibt er zu. Zwar sei man dazu mit zahlreichen potenziellen Kunden im Gespräch, und das Interesse sei hoch. Konkrete Abschlüsse gebe es jedoch noch nicht. Der GRUBER-Logistics-Chef ist aber optimistisch, dass die Kapazitäten des Zuges, den das Südtiroler Unternehmen zunächst zur Hälfte füllt, bald voll ausgelastet sein werden und weitere Kunden auf diesen Zug – im wahrsten Sinne des Wortes – aufspringen.

„Dringend notwendig“ sei es seiner Ansicht nach jedoch, dass die Zahl der wöchentlichen Fahrten von drei auf fünf erhöht wird, um noch flexibler zu sein und Wartezeiten zu vermeiden. Mit diesen Wünschen steht der Unternehmer nicht alleine da. „Für die Fahrplanperiode 2019/2020 werden wir weitere Optimierungen des Fahrplans anstreben – mit dem Ziel, das Zugprodukt Kreuztal–Verona langfristig erfolgreich am Markt zu positionieren“, kündigt Robert Breuhahn an.

Für Christian Betchen ist das erste Ziel, den Zug durch eine entsprechende Auslastung zu stabilisieren. „Dann wollen wir die Frequenz durch zwei weitere Fahrten erhöhen. Das würde die Gesamtkapazität um 40%steigern.“ Langfristig plane man zudem, weitere Produkte an den Start gehen zu lassen. So arbeite die Betreibergesellschaft intensiv an einer Seehafen-Hinterland-Anbindung der niederländischen bzw. deutschen Seehäfen. Angesichts der derzeitigen Situation blickt Martin Gruber optimistisch in die Zukunft. Denn schon jetzt seien viele Container-Terminals überlastet. „Ein weiterer Grund, der für Kreuztal spricht“, meint er. Der Bahnhof in Köln etwa sei an manchen Tagen so voll, dass dort sogar ein Annahmestopp ausgesprochen werde. Auch deshalb brauche es Ausweichstrecken wie jetzt in Kreuztal.

Nach drei Jahren Bauzeit und der offiziellen Eröffnung im September 2018 ist die Vorfreude bei Christian Betchen angesichts der bevorstehenden Jungfernfahrt nach Verona groß: „Das ist ein Gefühl wie zur Eröffnung der Elbphilharmonie“, sagt er. „Der Bau ist abgeschlossen: Nun kommt das erste Konzert!“

 

Best-Practice-Beispiel für Kombinierten Verkehr

Das neue Container-Terminal der Kreisbahn Siegen-Wittgenstein wurde Mitte September auf dem Betriebsgelände in Kreuztal im Beisein von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Logistik offiziell eröffnet. Die moderne Technik für den Umschlag von Containern, Wechselbrücken und Sattelaufliegern sowie die reibungslose Verbindung von Straße und Schiene machen die Anlage zu einem sehr effizienten Verkehrsknotenpunkt im Drei-Länder-Eck Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Mit den mobilen Umschlaggeräten können rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche bis zu 45.000 Ladeeinheiten pro Jahr umgeschlagen werden. Die Kreisbahn investierte rund 10,5 Mio. € in das Container-Terminal Südwestfalen. Der Bund unterstützte das Projekt mit 7,5 Mio. €. Laut Ministerialdirigent Johannes Wieczorek vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ist Kreuztal ein Best-Practice-Beispiel für den Kombinierten Verkehr. Güterverkehr und Logistik seien das Rückgrat unserer hochgradig arbeitsteilig produzierenden Volkswirtschaft. Das Container-Terminal Südwestfalen ist insgesamt 18.500 m² groß. Es gibt zwei Umschlaggleise, die je 225 m lang sind, sowie ein 191 m langes Abstellgleis. 22.000 m³ Bodenmaterial mussten entsorgt werden, 13.500 m³ Bodenmaterial wurden verbaut. Insgesamt wurden fast 13.000  ² Betonoberflächen hergestellt. Für weitergehende Informationen: www.swct.de

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