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Innovationsfähigkeit und Innovationstätigkeit heimischer Unternehmen

Im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierte die Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) eine wissenschaftliche Studie der Universität Siegen zur „Innovationsfähigkeit und Innovationstätigkeit heimischer Unternehmen“. IHK-Hauptgeschäftsführer Franz J. Mockenhaupt formulierte das Motiv für den Gutachterauftrag: „Seit Jahren hat uns irritiert, wenn in amtlichen Statistiken oder öffentlich stark beachteten wissenschaftlichen Erhebungen unsere Region als bestenfalls mittelmäßig in Bezug auf Innovationsstärke und Innovationsfähigkeit bezeichnet wurde. Ein Rang 231 beziehungsweise 253 für die Wirtschaft in den Kreisen Olpe beziehungsweise Siegen-Wittgenstein (PROGNOS 2010) hat sowohl die IHK irritiert als auch insbesondere manche unserer am Weltmarkt so erfolgreichen Unternehmen. Die Studie korrigiert die bisherige Diagnose durch zahlreiche Befragungsergebnisse und verdeutlicht eindrucksvoll: Uns geht es gut, weil wir Industrieregion sind und weil wir innovativ sind. Deshalb“, so Mockenhaupt „lautete die konkrete Frage: Wie passt es zusammen, dass eine beachtliche Anzahl von Hidden Champions das falsche Gesamtbild einer angeblich nicht gerade innovativen Wirtschaftsregion repräsentieren?“

Dieser Fragestellung widmeten sich Professorin Hanna Schramm-Klein und Dr. Sascha Steinmann, Lehrstuhl für Marketing der Universität Siegen, in einer eingehenden Untersuchung. Zusätzlich zu 155 Unternehmen, die einen eigens entwickelten differenzierten Fragebogen als Erhebungsbasis beantworteten, wurden jeweils zusätzlich mehrstündige intensive Expertengespräche mit circa 20 Inhabern oder Geschäftsführern ausgewählter mittelständischer Unternehmen geführt, um vorherige Umfrageergebnisse mit Blick auf das zu hinterfragende Innovationsgeschehen in zahlreichen weiteren Details zu durchleuchten.

Wesentliche Ergebnisse der Studie fasste Professorin Schramm-Klein mit dem Fazit zusammen „Verdeckte Innovation – sichtbarer Erfolg“. Auf diesen kurzen Nenner gebracht verdeutlichte sie, was sich in der Studie bestätigt hat, „dass nämlich die üblichen Messgrößen und Maßstäbe zur Ermittlung von Innovationsfähigkeit und Innovationstätigkeit in einer so stark mittelständisch geprägten Wirtschaftsregion einfach nicht passen“. Solche Parameter, die üblicherweise von Forschungsinstituten bundesweit angewandt werden und auch ihren Niederschlag in amtlichen Statistiken finden, sind zum Beispiel die Anzahl der Patente, die in einer Region generiert werden, die statistisch ermittelten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) in den Unternehmen einer Region oder auch die Anzahl wissenschaftlicher Mitarbeiter im prozentualen Verhältnis zur jeweiligen Gesamtbelegschaft der Unternehmen.

Professorin Schramm-Klein: „Dies ist hier anders. Der hochqualifizierte Mitarbeiter trägt im Produktionsprozess zu einer Innovation, einer Produktverbesserung bei, die aufgrund einer flachen Hierarchie meist sofort umgesetzt wird. Die Lohnkosten dieses Mitarbeiters werden nicht gesondert als Forschungs- und Entwicklungskosten erfasst. Der Unternehmer setzt das qualitativ verbesserte Produkt im Interesse des schnellen Markterfolgs am Markt ab, ohne ein Patent anzumelden, was wiederum statistisch nicht erfasst wird. Und das typische mittelständische Industrieunternehmen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Siegen hat in der Regel keine ausgegliederten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, deren Sach- und Personalkosten in Landes- und Bundesstatistiken erfasst werden. Außerdem ist die Anzahl der wissenschaftlich ausgebildeten Mitarbeiter in regionalen Unternehmen im Bundesvergleich deutlich unterrepräsentiert, was jedoch bisher den so beachtlich zahlreichen heimischen Unternehmen, die Europa- und Weltliga ‚spielen’, keinen Abbruch getan hat – im Gegenteil. Also können wir zu Recht formulieren, dass die Innovation verdeckt abläuft, der Erfolg aber umso sichtbarer ist“, resümierte Professorin Schramm-Klein.

„Die wissenschaftliche Studie hält aber auch mahnende Hinweise bereit: So haben wir festgestellt, dass die Kooperationsbereitschaft zwischen Unternehmen vergleichsweise zu wenig ausgeprägt ist, sei es aus falschem Konkurrenzdenken oder einer zu starken Konzentration auf das eigene Unternehmen („Kooperationsferne“). Eine solche Denkweise ist sicherlich in der Zukunft und langfristig nicht besonders zielführend und insbesondere nicht innovationsfördernd. Auch die Kontakte zwischen heimischen Unternehmen und den Hochschulen, sei es die Universität Siegen am Ort oder zum Beispiel die Fachhochschule Südwestfalen, sollten auf Sicht dringend intensiviert werden. Klar ist, dass natürlich auch die Hochschulen selbst hierzu einen Beitrag leisten müssen, sich noch stärker öffnen und insbesondere mittelständischer denken müssen“, formulierte Professorin Schramm-Klein durchaus auch selbstkritisch aus Sicht der Universitätsprofessorin.

Welche weiteren Konsequenzen wird die IHK Siegen aus der Studie ziehen? Hinweise darauf gab Hermann-Josef Droege, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen: „Nicht nur die Vollversammlung wird sich intensiv mit der Studie befassen, sondern auch über den IHK-Bezirk hinaus werden wir die inhaltlichen Aussagen und Ergebnisse nachdrücklich zur Sprache bringen. Dabei ist an den gerade anlaufenden Regionalmarketing-Prozess für Südwestfalen zu denken, der unter dem Aspekt der Fachkräftesicherung das regionale Image stärken und verbessern soll. In einer vermeintlich innovationsschwachen Region werden dringend benötigte Fachkräfte tendenziell keine innovativen Unternehmen und somit attraktive Arbeitgeber vermuten. Aber auch mit der Politik in Düsseldorf und Berlin soll geredet werden. Parlamentariern in Land- und Bundestag muss ebenso verdeutlicht werden wie etwa dem Wissenschaftsministerium, dass wir entgegen der Testate von Prognos und anderen Instituten sehr wohl innovationsstark sind und bisher nur mit untauglichen Maßstäben beurteilt wurden, die logischerweise zu sachlich falschen Ergebnissen und einem irritierenden, das Image schädigenden, Ranking führen mussten“, so Droege.

Die Studie finden Sie als Download ebenfalls rechts auf dieser Seite.

Hintergrundinformationen:
Hermann-Josef Droege, Tel. 0271 3302-312, E-Mail: hermann.droege@siegen.ihk.de

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