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Nr. 004: Regionale Industrieunternehmen kämpfen mit defizitärer Schwerlastroute von Gelsenkirchen ins Siegerland

17.01.2020 | Mit einer neuen Rohrbiegepresse setzt die Gräbener Maschinentechnik GmbH & Co. KG mit Sitz in Netphen-Werthenbach Maßstäbe. „Maßgebend ist dabei die enorme Presskraft von mehreren tausend Tonnen, die nötig sind, um dickwandige Rohre mit gleichzeitig kleinem Durchmesser herzustellen“, betont Fabian Kapp, Geschäftsführer bei Graebener Maschinentechnik. Einsatzort für die Anlage wird die Erndtebrücker Eisenwerk GmbH & Co. KG sein. Die Zahlen beeindrucken: Rund 1.100 t bringt die Presse auf die Waage. Die vier Bauteile, Ober- und Untertraverse mit je einem Ober- und Unterteil, sind ca. 16 Meter lang, 3,50 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Jedes dieser Teile wiegt zwischen 115 und 130 t.

Die familiengeführte Gräbener Maschinentechnik GmbH & Co. KG gehört mit ihren Biegemaschinen seit vielen Jahren zu den Weltmarktführern in der Großrohr-, Windturm- und Behälterfertigung. Fabian Kapp: „Wir sind in der Lage, höchst leistungsfähige und gleichzeitig sehr große und schwere Anlagen zu konstruieren und zu fertigen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir der verfügbaren Ingenieurskunst und dem Engagement unserer rund 80 Mitarbeiter verdanken. Für dieses Know-how ist Graebener Maschinentechnik vielen Kunden auf dem Weltmarkt ein Begriff.“

Die aktuelle Lage der Straßen in Deutschland ist vielen Unternehmen jedoch ein enormes Hindernis. Auch Graebener Maschinentechnik hat regelmäßig unter den eingeschränkten Transportmöglichkeiten für Schwerlasttransporte zu leiden und spürbare Verbesserungen der Straßen sehen die Werthenbacher bis heute nicht – trotz anderslautender politischer Erklärungen. Das zeige auch der Transport der aktuellen Presse, betont Fabian Kapp. Die Bauteile wurden demnach in Aschersleben in Sachsen-Anhalt geschweißt und dort für die Reise nach Gelsenkirchen auf die Elbe verladen. Im Ruhrgebiet angekommen, wurde der Transport mit Schwertransporten auf der Straße fortgesetzt. Weit kam man dabei nicht: „Am Stadtrand von Gelsenkirchen wartete die erste nicht vorhergesehene Baustelle. Diese hätte es eigentlich nicht mehr geben dürfen, aber aus einem unersichtlichen Grund dauerte die Baumaßnahme zwei Wochen länger als geplant. Hierdurch mussten Transport und Montage erst einmal verschoben werden“, erläutert Fabian Kapp. Mit zeitlicher Verzögerung gelangten die gigantischen Bauteile dann nach Bad Laasphe, wo sie derzeit bei der Fa. Jung Großmechanik mechanisch bearbeitet werden, bevor sie anschließend weiter nach Erndtebrück gefahren werden.

Ein weiteres Bauteil ging später in Aschersleben zeitlich versetzt auf die Reise. Zu diesem Zeitpunkt führte die Elbe jedoch zu wenig Wasser, so dass die Verladung an den Mittellandkanal verlegt werden musste. Fabian Kapp: „Wenn auch der niedrige Wasserstand für die Wintermonate sehr untypisch war, so gehören derartige unvorhergesehene Situationen für die Speditionen zum Alltagsgeschäft und lassen sich unter „höherer Naturgewalt“ verbuchen. Für richtig Ärger sorgen dagegen die Zustände auf den Straßen. Vor allem die maroden Brücken bereiten uns tägliches Kopfzerbrechen. Sie können häufig schwere Lasten nicht mehr tragen und sind daher für Schwertransporte gesperrt.“

Seit neun Jahren werde an einer verlässlichen Schwerlastroute von Gelsenkirchen ins Siegerland geplant und eine entsprechende Strecke hierfür „ertüchtigt“. Trotzdem müssen Brückenstatiken immer wieder aufs Neue nachgerechnet werden, was die Transportkosten in die Höhe treibe. Eine Transportgenehmigungsanfrage eines 176 Tonnen schweren Bauteils wurde von der Genehmigungsbehörde abgelehnt. Die Ablehnung wurde damit begründet, dass für den Antrag mit der Route von Gelsenkirchen nach Erndtebrück zunächst die Statik von insgesamt 18 Brückenbauwerke hätte nachgeprüft werden müssen. Und das auf der angeblich für 299-Tonnen-Transporte freigegebenen Schwerlastroute. Allein durch die statischen Berechnungen wären so Mehrkosten in Höhe von ca. 60.000 EUR pro Transport entstanden. Mehrkosten, mit denen weder das Unternehmen Graebener Maschinentechnik noch deren Kunden kalkulieren können. „2003 dagegen“, so Fabian Kapp, „war ein Transport mit Maschinenteilen von 180 Tonnen ins Siegerland noch relativ unkompliziert durchführbar.“

Längst jedoch werden die schlechten Transportbedingungen auf den Straßen schon bei der Konstruktion der Anlagen berücksichtigt. „Wären die Verkehrswege in einem leistungsfähigen Zustand, der einem Industrieland wie Deutschland gerecht würde, hätten wir die Maschine sehr viel kostengünstiger konstruieren und bauen können“, unterstreicht Fabian Kapp.

Wenn neue Maschinen mittlerweile also die Handschrift unserer kaputten Straßen trügen, sei dies bezeichnend für den Zustand des Industriestandortes, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. „14.000 Genehmigungsanträge für Großraum- und Schwertransporte werden allein in den Kreisverwaltungen Siegen-Wittgenstein und Olpe Jahr für Jahr bearbeitet. Betroffen sind enorme Wertschöpfungsketten mit geschätzten 10.000 Beschäftigten in unserer Region. Dies alles wird durch die jahrelange Vernachlässigung unserer Straßen aufs Spiel gesetzt!“ Dabei sei der Zustand der Brücken und Straßen nur ein Teil des Problems. Hinzu komme eine völlig aus den Fugen laufende Bürokratie. Die IHK setze sich gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für mehr politischen Druck ein, damit Unternehmen entlastet würden.

Dazu gehöre auch, auf die in Teilen grotesken Zustände aufmerksam zu machen, zeigt IHK-Geschäftsführer Hans-Peter Langer auf. Einen Schwertransport zu beantragen, sei eine „Wissenschaft für sich“ geworden. Damit die Polizei sich wieder um ihre eigentliche Arbeit kümmern könne, habe der Gesetzgeber die private Begleitung von Schwertransporten ermöglicht, jedoch zu einem unverhältnismäßig hohen Preis: „Wenn für Genehmigungen ganze Road Books erstellt werden müssen, wenn Speditionen Grafiker einstellen, um Schleppkurven für die Genehmigungsbehörden zu visualisieren, wenn Strecken im Vorfeld mit Drohnen abgeflogen werden müssen, wenn Speditionen gezielt Routen um ganze Bundesländer herum planen, weil dort andernfalls zehn Wochen auf eine Genehmigung gewartet werden müsste und der Kunde bis dahin den Auftrag storniert hätte, dann läuft etwas völlig falsch.“

Unternehmensleitung und IHK-Vertreter sind sich einig, dass ein stärkeres Engagement der Politik dringend benötigt werde, um die Rahmenbedingungen für Schwertransporte spürbar zu verbessern. Im digitalen Zeitalter müsste eine verlässliche, aktuelle und jederzeit abrufbare digitale Datengrundlage für die Planung der Transporte so selbstverständlich sein wie ein Navi. Dies würde auch die Genehmigungsbehörden nachhaltig entlasten und die Genehmigungsdauern deutlich verkürzen. Wo das ständige Nachrechnen von Bauwerken zur Auflage werde, stiegen die Kosten ins Uferlose und verschlechterten die Marktsituation der betroffenen Unternehmen entscheidend.

Bis die in die Jahre gekommenen Autobahnen wieder verlässlich Schwertransporten zur Verfügung stünden, müssten in jedem Bundesland Schwerlastrouten eingerichtet werden, die aneinander anknüpften. Fabian Kapp: „Wir wollen auch in Zukunft unsere Kunden mit Spitzenqualität zufriedenstellen. Eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur und ein zeitgemäßes, entbürokratisiertes Genehmigungsverfahren sind hierfür unbedingt erforderlich. Beides sehen wird heute noch in weiter Ferne. Hier hoffen wir auf die notwendige politische Unterstützung.“

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Hans-Peter Langer

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