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Nr. 092: Chinas Corporate Social Credit System: „Dialog mit den Behörden wird wichtiger denn je“

23.11.2020 | Schritt für Schritt geht die chinesische Regierung eine vollständige Umsetzung ihres Sozialkreditsystems für Unternehmen an – mit entsprechenden Auswirkungen für Betriebe auch in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe. In China registrierte Unternehmen sollen ebenso wie schon Privatpersonen nach einem Anforderungskatalog der chinesischen Führung bewertet und je nach Ergebnis positiv wie negativ sanktioniert werden. Auf Einladung der Industrie- und Handelskammer Siegen informierten sich mehr als 30 heimische Unternehmer in einer Online-Veranstaltung über das chinesische „Corporate Social Credit System“, das die Staatsspitze erstmals bereits 2014 ankündigt hatte.

Eine Meta-Datenbank nimmt die aus verschiedensten Bereichen online und offline gesammelten Informationen auf und stellt sie allen chinesischen Behörden übergreifend zur Verfügung. Darüber hinaus werden Informationen zur Kreditwürdigkeit und dem jeweiligen Scoring eines Unternehmens der breiten Öffentlichkeit durch eine Online-Plattform zugänglich gemacht. Referentin Manuela Reintgen, Director Business Development der TMF Deutschland GmbH, rüttelte auf: „Das Corporate SCS zwingt zu eingehender Betrachtung von Geschäftspartnern und auch sehr genauer Überlegung, wer im eigenen Unternehmen in Schlüsselpositionen rückt. Denn in dem Sozialkreditsystem werden die Bewertungen von Personen und Unternehmen verlinkt: Auch das persönliche Scoring verantwortlichen Personals oder von Geschäftspartnern beeinflusst die Sozialpunkte des eigenen Unternehmens.“

Die Expertin, die von 2009 bis 2017 in Peking lebte und arbeitete, erläuterte die Eigenheiten von roten und schwarzen Listen und nannte aufsehenerregende Beispiele für mögliche Negativ-Sanktionen: „Möglich sind das Verbot, per Flugzeug oder per Bahn zu reisen oder das Untersagen von höheren Geldausgaben – beispielsweise durfte ein negativ sanktionierter Betroffener nicht mehr in Luxus-Hotels übernachten, sogar nicht in denen, die seinem Vater gehörten.“ Reintgen wies aber auch darauf hin, dass im Gegensatz dazu ein positives Scoring durchaus mit Vorteilen verknüpft sei. Erleichterungen könnten etwa in weniger behördlichen Inspektionen, besseren Kreditkonditionen, der schnelleren Bearbeitung eigener Anliegen, einer Bevorzugung bei öffentlichen Vergaben und einfacherem Marktzugang bestehen.

Jens Brill, Leiter Außenwirtschaft der IHK Siegen, ergänzte: „Mehr Transparenz hinsichtlich der Integrität der Marktteilnehmer, eine Effizienzsteigerung der Verwaltung, die Erschwerung von Betrug und Korruption, das alles könnten ebenfalls positive Folgen des Corporate SCS sein. Es gilt jedoch abzuwarten, inwieweit durch dieses System die wirtschaftliche Aktivität heimischer Unternehmen zu sehr unter die Beeinflussung einer fremden Staatsführung gerät. Träte dies ein, würde sich dies nachhaltig negativ auf unsere Unternehmen auswirken.“ Eine Empfehlung gab Manuela Reintgen nachdrücklich an die Teilnehmer aus den Exportunternehmen der Region weiter: „Schulung und Auswahl der Mitarbeiter gewinnen für in China tätige Unternehmer weiter an Bedeutung. Der Dialog mit den Behörden wird wichtiger denn je.“

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